Typen der Selbstdeutung von Lehrerinnen und Lehrern im Rückblick auf ihre berufliche Entwicklung.

 

1. Einleitung und Fragestellung

Die Frage, wie Lehrkräfte ihre beruflichen Erfahrungen während ihrer gesamten Schullaufbahn verarbeiten, wird erst in jüngerer zeit untersucht.
Die neue Lehrerforschung versteht das berufliche Schulverständnis als Sozialisationsprozess im Verlauf der beruflichen Karriere.
Von besonderem Interesse sind hier Autobiographien, denn sie präsentieren die Identität der Person zum Zweck des Selbstverstehens (wie im Tagebuch) oder das Fremdverstehens (z.B. biographische Erklärung).

Nicht frei von Kritik, ist die Autobiographie eine Methode quantitativer Marktforschung, die i.d.R. zur narrativen Forschung gezählt wird, eine theoretische Datenanalyse, jedoch nicht ausschließt. (1)

 

2. Stichprobe

Im Folgenden werden sechs idealtypische Muster der Verarbeitung von Erfahrungen im Lehrberuf vorgestellt.
Dabei wurden die autobiographischen Daten einer 120 Personen umfassenden Stichprobe aus dem im Schuljahr 1984/85 beschäftigten Lehrer an der Sekundarstufe I der öffentlichen Volksschule in der Schweiz als Datenbasis ausgewählt.

 

3. Datenerhebung

Die Datenerhebung begann in Form eines Interviews mit einer Stegreiferzählung der Berufsbiographie.
Darauf folgten standardisierte Fragen zu den Themen:

  • Selbstbild und Einstellungen
  • Soziale Herkunft und berufliche Laufbahn
  • Berufswahl
  • Berufseinstieg
  • Berufskompetenz
  • Höhe- und Tiefpunkte
  • Berufszufriedenheit
  • Familie und weiteres soziales Umfeld

 

4. Analysedesign

Das Analysedesign umfasst drei Analysen

  • Inhaltsanalyse der Protokollaussagen zu den systematisch erfragten Berufserfahrungen (s.o.)
  • Inhaltsanalyse und klassifikatorische Typologisierung der Berufsbiographiephasen der Stegreiferzählungen
  • Konstruktion von Idealtypen der Verarbeitung beruflicher Erfahrungen aus den Ergebnissen der ersten und zweiten Analyse

 

5. Berufsbiographietypen

Die einzelnen von der Person selbst unterschiedenen Phasen wurden mittels einer deskriptiven Typologie von Berufsbiographien klassifiziert. Auf dieser Basis wurden dann Berufsbiographiemuster im Sinne von häufigen Phasenabfolgen identifiziert. Die Typologie klassifiziert die Berufsbiographien nach dem Kriterium, wie die Fortsetzung der Berufsbiographie nach der Anfangszeit beschrieben ist.

Dabei lassen sich sechs Phasen unterscheiden:

  • Stabilisierungsphase gekennzeichnet durch Bindung an den Beruf und Konsoldierung im Beruf sowie das Überwinden von beruflichen Schwierigkeiten und Unsicherheiten.

 

  • Entwicklungsphase bezogen auf Veränderungen, die den Unterricht, die Klassenführung oder das Verhältnis zu den Schülern betreffen.
  • Diversifikationsphase bezogen auf Veränderungen, die ein zusätzliches Engagement über die beruflichen Aufgaben im engeren Sinne darstellen.

 

  • Problemphase gekennzeichnet durch Schwierigkeiten, die zu einer länger dauernden Belastung für die Betreffenden werden.
  • Krisenphase gekennzeichnet durch Zweifel, weiterhin im Lehrerberuf zu bleiben.

 

  • Resignationsphase mit der Ausprägung, dass Lehrkräfte ihren Beruf als unbefriedigend empfinden ohne eine Veränderung anzustreben.

Insgesamt konnten 77 der 120 befragten Personen einem der sechs Berufsbiographietypen zugeordnet werden. Eine Analyse der Häufigkeit ergab, dass Problembiographie (16,7%), Entwicklungsbiographie (15%) und Stabilisierungsbiographie (11,7%) den größten Anteil ausmachten. Krisenbiographie (8,3%), Resignationsbiographie (6,7%) und Diversifikationsbiographie (5,8%) machen hierbei einen geringeren Anteil aus.

 

6. Idealtypen der Verarbeitung beruflicher Erfahrungen

Die Konstruktion von Idealtypen der Verarbeitung beruflicher Erfahrungen von Lehrkräften verbindet nun die Ergebnisse der systematischen Beschreibung der Berufserfahrung und die Ergebnisse der Berufsbiographietypen. (2)

Der Idealtyp wird in drei Schritten gebildet:
Bestimmung der Wertidee, unter dem die Typologie konstruiert werden soll (Selegieren, Ordnen und Bewerten von sozialen Erfahrungen unter dem Gesichtspunkt, was sie für das Subjekt selbst bedeuten, da sich verschiedene Typen in unterschiedlichen Leitaspekten unterscheiden). Hierzu werden die Stegreiferzählungen herangezogen und analysiert.
Identifikation der Phänomene, für die ein idealtypischer Zusammenhang konstruiert werden soll (Konstruktion der Berufsidentitätsmuster durch Zuordnung der entsprechenden Berufsbiographietypen unter Berücksichtigung psychologischer Daten wie Wohlbefinden, Bewältigungsanforderungen, Bewältigungskompetenz etc.)
Konstruktion des Idealtypus durch Bewertung der Häufigkeit der Merkmalsausprägungen der verschiedenen Berufsbiographietypen und der jeweiligen Relevanz für den Identitätstyp.

Die Idealtypen im Einzelnen:

Entwicklungstyp: Ein von sich selbst überzeugter Lehrer mit grundsätzlich positivem Verhältnis zum Beruf. Seine Berufswahl ist wohlüberlegt. Er hat zudem Unterstützung durch sein soziales Netzwerk und durch gezielte fachliche Hilfe bekommen.

Stabilisierungstyp: Er wächst in den Lehrerberuf hinein. Hat gelernt den Erwartungsdruck an sich selbst abzubauen. Grundsätzlich positives Verhältnis zum Beruf, wobei er jedoch persönliche Anregungen im Beruf vermisst.

Diversifizierungstyp: Positives Grundverhältnis zum Beruf durch Öffnung nach Außen, d.h. über seine Klasse und sein Schulhaus hinaus. Hat bei seinem Berufseinstieg schwierige Umstände vorgefunden und dabei von seinem beruflichen und privaten sozialen Netz wenig Unterstützung bekommen. Rückhalt findet er nicht bei Lehrerkollegen, sondern im außerschulischen Bereich.

Problemtyp: Hat die Spannung zwischen seinen hohen Zielen und Erwartungen und dem tatsächlich erreichten noch nicht gelöst. Persönlichen Rückhalt findet er primär im familiären Kreis. Trotz Unterstützung durch das Kollegium hat er seine anfängliche Verunsicherung als Lehrer noch nicht überwunden, sondern ist durch ein berufliches Tief wieder stärker hineingeraten.

Krisentyp: Konzentriert sich auf Schule und seinen Erziehungsauftrag. Hat diesbezüglich hohe Erwartungen an sich. Ist unzufrieden mit dem, was er erreichen kann. Sozial isoliert. Rückhalt findet er allenfalls im familiären Kreis, wenn er nicht alleinstehend ist. Hat keine Kontakte außerhalb der Schule.

Resignationstyp: Stammt schon aus einer Lehrerfamilie und hat zudem eine Lehrerin zur Frau. Lehrberuf steht im Mittelpunkt seiner Tätigkeiten. Ausgeprägte selbstkritische Haltung. Seine Berufswahl ist außengelenkt. Es existiert fatalistische Tendenz, die ihn daran hindert, problematische Situationen zu lösen bzw. Entwicklungsmöglichkeiten für sich zu suchen und diese zu verfolgen.

 

7. Diskussion

Ein vergleichender Blick auf die Lehrertypologien zeigt, dass das traditionelle Rollenverständnis des auf die Schularbeit zentrierten Lehrers, der nach erfolgreich abgeschlossener Berufsausbildung dank seiner persönlichen Begabung und zunehmender Erfahrung den schwierigen Beruf meistert, überholt ist.
Trotzdem weisen die positiven Lehrertypen Entwicklungs- und Diversifikationstyp und Stabilisierungstyp Gemeinsamkeiten mit dem traditionellen Lehrerverständnis auf. Problemtyp, Krisentyp und Resignationstyp ist hingegen ein Fatalismus sowie hohes Lehrerideal, dem sie nicht genügen, gemein.

 

 

 

(1) Vgl. Szczepanski, der davon ausgeht, dass größere Stichproben von Autobiographien typologisch ausgewertet werden können. Typologien können zum Zweck der Klassifikation als deskriptive Systeme aufgebaut sein, sie können jedoch auch als theoretische Modelle für komplexe Sachverhalte konstruiert werden.

(2) Die Konstruktion eines Idealtypus beruht auf Max Weber. Nach Weber ist der Idealtyp ein begriffliches Konstrukt, das ausgewählte Merkmale eines komplexen empirischen Sachverhalts (Handlungszusammenhanges) in einen genetischen Zusammenhang stellt. Kriterium für die Auswahl der empirischen Merkmale ist die Bedeutung, die diese Aspekte für die Realisierung der betreffenden Handlungsziele haben („Wertideen“). Der Idealtypus nach Weber hat keinen normativen Charakter, sondern stellt ein rein analytisches Konstrukt dar.

 

 

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